Start Stadt & Region Palliativ-Clown Karin Rill: Lachen gegen das Leid

Palliativ-Clown Karin Rill: Lachen gegen das Leid

Es blitzt!“ Die zwei Frauen im roten Blümchenkleid und der bunten Latzhose halten sich theatralisch die Augen zu, als unsere Kamera ihren Einsatz hat. Sobald sie die roten Nasen aufgesetzt haben, haben sich Karin Rill und Dr. Gabriele Brandstetter in die Palliativclowns „Lilly“ und „Fantosa“ verwandelt. Ziehen bunte Tücher aus ihrer Tasche und machen große Augen, als nicht nur ein gelbes, sondern auch ein grünes, violettes und oranges hervorkommt.

Karin Rill ist nicht irgendein Clown: Sie wurde jüngst vom ZDF-Mittagsmagazin mit Moderator Cherno Jobatey überrascht und als „mima-Heldin“, Heldin des Alltags, ausgezeichnet. „Das war eine totale Überraschung!“ erzählt Rill, die nichtsahnend zu einem Clownseinsatz bei einem „ihrer“ Kinder, Helena, fuhr. „Dann ging das auch sehr schnell und ich wusste hinterher gar nicht mehr, was ich gesagt habe. Aber ich finde, es ist schon eine Ehre, wenn man so eine Auszeichnung entgegennimmt für eine ehrenamtliche Arbeit, also das hat mich schon gefreut!“

Dass Karin Rill heute so professionell „Quatsch“ macht, hat auch mit ihrer Geschichte zu tun – und die ist erst einmal nicht lustig: „Unser erstes Enkelkind war schwer krank. Das ist dann auch verstorben.“ Zudem hat sie ihren Sohn vor sieben Jahren durch einen Geisterfahrer verloren. Ein schwerer Verlust: „Gleich danach ist sowieso alles erst mal schwarz. Da sieht man gar keinen Lichtblick im ersten Moment“, erinnert sich die Frau, die heute andere zum Lachen bringt. „Und dann muss man damit leben. Es sind halt immer so Auf und Abs.“

Aber sie suchte sich einen Lichtblick: „Ich hab mir halt gedacht, ich such mir jetzt was Schönes für mich.“ In der Zeitung las die heute 63-Jährige einen Artikel über die Clownsausbildung an der Augsburger „Antiheldenakadmie“. Das Interesse war geweckt, sie sah die Abschlussshow und meldete sich für ein Schnupperwochenende an. In Richtung Palliativclown habe sie damals noch gar nicht gedacht. Sie absolvierte zunächst die allgemeine Grundausbildung. Auf Rills Abschlussveranstaltung wurde dann auch Gabriele Brandstetter auf sie aufmerksam: „Sie hat Cha Cha Cha getanzt als Clown. Das war so witzig!“, ist diese heute noch begeistert. Auch auf Workshops trafen sie sich immer wieder. Als Brandstetter nach Kandidaten für ihre Palli-Clowns suchte, kam sie über den „Ober-Clown“ der Antiheldenakadmie, Markus Sedelmaier, auf Karin Rill.

Die Palliativclowns kommen zu den Familien nach Hause

Palliativversorgung habe laut Bayerischem Gesundheitsministerium das Ziel, belastende Symptome wie starke Schmerzen als Folgen einer Erkrankung zu lindern, wenn keine Aussicht auf Heilung mehr besteht.
Die Palliativclowns, die Brandstetter ins Leben rief, haben ein spezielles Ziel: Die Kinderärztin ist Einrichtungsleitung beim Bunten Kreis und wollte die betreuten Familien bei ihnen zuhause aufsuchen, „mit Dingen im Alltag begleiten, die sie sonst so selten oder nicht erleben. Und dann habe ich mir meine Clowns gesucht.“ Die kommen anders als Klinikclowns zu den Familien nach Hause, seien flexibler, und arbeiten ehrenamtlich. Zudem finanzieren sie sich über Spenden. Brandstetter betont noch einen großen Unterschied durch die Besuche zuhause: „Wir kommen ja nicht nur fürs kranke Kind, sondern für die ganze Familie oder Geschwisterkinder. Und je nachdem wie die Eltern drauf sind, clownen die mit oder auch nicht“.

Fünf Frauen sind aktuell dabei, und laut Brandstetter schauten sie schon genau, wer mitmachen kann. Viele der Clowninnen haben beruflich schon mit kranken Kindern zu tun, Rill hat eine Hospizausbildung. Und was sollte man sonst mitbringen? Rill sagt: „Ich glaube, man muss einfach offen sein und darf keine Angst haben, wenn einem da schwerkranke Kinder begegnen. Das ist manchmal kein schöner Anblick und schockt einen vielleicht im ersten Moment schon, aber da darf man keine Angst davor haben. Wenn man das hat, dann ist man nicht geeignet dafür.“

Ein- bis zweimal pro Woche sind die Clowns unterwegs, immer zu zweit, bis runter ins Allgäu und hoch nach Donauwörth. Ungefähr 30-mal war Rill bisher als Palli-Clown im Einsatz. Seit 1. Januar ist die 63-Jährige im Ruhestand. Aber mehr als zwei Besuche an einem Nachmittag? Nein, das reiche, weil das Clownen, das so leicht aussieht, mental und körperlich anstrengend ist: „Man muss immer präsent sein und Aufmerksamkeit haben. Auch Spielen kann anstrengend sein“, erklärt sie. Denn die Palli-Clowns haben ihre Antennen auf, gehen auf die Kinder, die Familien und die Situationen, auf die sie treffen, ein: „Wir sind keine Clowns, die ein ‚Auftrags-Event‘ machen“, betont Brandstetter. Manchmal sei die rote Nase nur der Einstieg, dann spielten sie ganz normal mit dem Kind. Deswegen gebe es auch nicht den einen Ratschlag, wie Eltern ihr krankes Kind zum Lachen bringen können. „Es gibt nicht einen Tipp, der bei allen funktioniert. Da muss man ausprobieren. Blasen Sie mal einen Luftballon auf und versuchen den zuzubinden und dann schaffen sie es nicht“, rät Rill.

Augsburgerin Karin Rill vom ZDF ausgezeichnet

Der Besuch bei Helena, bevor die TV-Anfrage kam, ist Rill noch besonders in Erinnerung geblieben: „Ich habe ja immer Blumen dabei und dann ist die Blume runtergefallen und jemand gibt mir die wieder zurück. Und dann habe ich angefangen ‚hatschi‘ zu machen und dann hast du ‚hatschi‘ gemacht und das war so ein ‚hatschi‘-Chor. Und dann fängt Helena, die eigentlich nie lacht, nur grinst, zu lachen an!“ Oder die zwei Geschwister, beide schwer behindert, „die so herzhaft lachen konnten. Die haben sich wirklich gekugelt vor Lachen manchmal.“
Mit ihrem Einsatz macht Karin Rill andere Menschen glücklich – und sich selbst: „Ja, da freut man sich total, wenn die ja mal so Momente haben, wo sie das andere wahrscheinlich vergessen. Die Kinder müssen vielleicht zum Arzt, Medikamente nehmen. Und die Geschwisterkinder stehen oft ein bisschen in der zweiten Reihe. Und wenn man es dann schafft, dass die sich auch mal entspannen und für einen Moment glücklich sind, dann freut man sich umso mehr.“

Aus aktuellem Anlass noch die Frage: Als was geht Karin Rill zum Fasching? „Im Fasching gehe ich als alles, außer Clown!“, sagt sie und lacht. „Mit meinem Mann Stephan zusammen gingen wir zum Beispiel schon als Prinzessin und Froschkönig.“ Sie würde auch einen Unterschied machen zwischen den Palli-Clowns und Fasching: „Das, was wir machen, hat einen geschützten Rahmen und ist nicht so in der Öffentlichkeit wie der Fasching.“

Aber ab und an sieht man die Palli-Clowns schon mit ihrer Clownsnase auf dem Fahrrad. Brandstetter hat auch immer eine in ihrer Schreibtischschublade. Ihr Tipp: „Bei Stress reicht es schon, mental die rote Nase aufzusetzen.“

„Fantosa“ (li.) und „Lilly“ beim „Quatschmachen“

Ausschnitt aus dem „MIMA“, als Cherno Jobatey (2.v.li.) Karin Rill (li.) mit der Auszeichnung überrascht.

Die fünf Palli-Clowns vom Bunten Kreis: Jede Clownin hat ihr Lieblingsoutfit, sagt Rill. Links von oben: Margarine Waschmaschine, Quawatschl, Pinccola, Lilly. Rechts: Fantosa. Foto: Katrin Zagel

AJ-Redakteurin Julia Greif (rechts) beim Interview mit Gabriele Brandstetter und Karin Rill. Nicht nur die Vasen und der Teppich strahlen in fröhlichem Orange.

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